Belkiza Flüchtling Stuttgart Flüchtlingskind Keepitsimplepaula
Blog

Belkiza: Ein Flüchtlingskind in Stuttgart

Vorab: Den folgenden Text habe ich am 16.06.2016 am Stück runter geschrieben und direkt auf meinem damaligen Blog gepostet. Ich war damals Mentorin bei KinderHelden in Programm “Ich kann’s! für Flüchtlingskinder und Kinder aus Einwanderungsfamilien”. Ich habe dabei über ein halbes Jahr ein Mädchen begleitet, das mit seiner Familie nach Stuttgart gekommen ist.

Am 16.06.16 habe ich morgens auf Facebook eine Nachricht von einer anderen Mentorin bekommen, die mir schrieb, dass aus der Flüchtlingsunterkunft in der Nacht auf den 16. Familien abgeholt und zum Flughafen gebracht wurden, unter anderem auch  Belkizas Familie.

Das war das erste und einzige Mal, dass ich auf der Arbeit geweint habe. Ich habe direkt angefangen, den Text zu schreiben und ohne noch einmal drüber zu lesen, auf “Veröffentlichen” geklickt. Ich habe ihn auch seitdem nie gelesen, Rechtschreibfehler und fehlende Struktur sind also sehr wahrscheinlich.


Belkiza

Seit gestern ist sie weg.

Sie ist ein kleines Mädchen, sieben Jahre alt, aus Mazedonien. Ich kenne sie seit Anfang Dezember 2015 und seitdem hat sie einen festen Platz in meinem Herzen. Wir haben uns seitdem fast jede Woche getroffen, drei Mal hatte ich keine Zeit. Sie ist mit ihrer Familie hier her geflohen und meine Aufgabe war es, ihr vor allem Deutsch und Mathe beizubringen und ihr die Stadt zu zeigen, zu erklären. Es wurde für mich viel mehr als das und für sie war ich nicht nur eine Lehrerin, sondern eine Freundin.

Letztes Wochenende waren wir am Stuttgarter Flughafen, weil sie nicht wirklich wusste, was das ist und ich ihr so viel wie möglich zeigen wollte. Sie fragte mich ob die Mamas derer, die weg fliegen, denn nicht traurig seien; Ich antwortete, dass die Menschen nur für eine weile weg fliegen, in den Urlaub, und in ein paar Wochen wieder kommen. Sie fragte, ob wir mal zusammen in den Urlaub fliegen können, obwohl sie nicht wirklich wusste, was Urlaub bedeutet. Ich sagte „vielleicht“.

Nun ist sie mit dem Flugzeug geflogen. Allerdings nachts, von der Polizei geweckt. Nachdem sie eine halbe Stunde Zeit hatte, ihre Sachen zu packen, wurde sie zum Flughafen gebracht, an dem wir noch einige Tage zuvor auf der Besucherterasse gestanden hatten, auf der sie jedes Mal jubelte, wenn ein Flugzeug abhob, in den Wolken verschwand.

Wir waren dort sehr lang und sahen dem Treiben unter uns zu, sahen wie Koffer in den Bäuchen von Flugzeugen verschwanden, Menschen herum rannten, andere Menschen in Flugzeuge einstiegen. Sie ist ein sehr hibbeliges Mädchen, es fällt ihr schwer, sich lange auf etwas zu konzentrieren, aber dort saß sie eine Stunde lang und beobachtete fasziniert, was unten vor sich ging. Ich fotografierte mit meiner Spiegelreflex, sie mit meinem Handy. Dann durfte sie auch mit meiner Kamera fotografieren.

Sie fotografiert sehr gerne, ich habe mit dem Gedanken gespielt, ihr eine kleine Digitalkamera zu kaufen, sollte ich ihre Adresse herausbekommen, werde ich ihr eine schicken. Ihre Fotos sind nicht wie die, die ich von anderen Kindern kenne, einfach irgendwie draufhalten, Auslöser drücken und dann stolz das verschwommene Resultat zeigen. Sie hat Details fotografiert. Eine einzelne Person in einer Menschengruppe, eine Blume in einem Blumenbeet, die ein bisschen anders aussah, als die anderen.

Sie mag lesen nicht, genau so wenig wie schreiben. Rechnen kann sie gut, das hat sie gerne gemacht, wenn wir samstags in die Stadtbibliothek gefahren sind, um zu lernen. Ich habe einhundert kleine bunte Plastik-Chips bestellt, damit ich anfangen kann, mit ihr in höheren Zahlenbereichen Plus und Minus zu rechnen. Die Chips kamen vor zwei Tagen an–

Wir waren in der Wilhelma, dem Stuttgarter Zoo. Dort hat sie zum ersten Mal Pommes gegessen und von alleine versucht, das Wort „Giraffenhaus“ zu lesen.

Sie wollte gerne mit mir in das Schwimmbad um die Ecke gehen, das haben wir leider nie geschafft, es wäre unser nächster Ausflug gewesen.

Sie wollte gerne mal im Stadion ein Fußballspiel sehen und ich habe ihr versprochen, das wir das machen werden. Sie mag Fußball und findet Ronaldo besser als Messi.

Sie konnte selbst ein Bahnticket lösen und hat beim Überqueren einer Straße immer „links, rechts, links“ geguckt, das habe ich ihr beigebracht.

Sie möchte Lehrerin werden, das hätte sie hier werden können.

Das ist was Bürokratiefloskeln wirklich bedeuten. Sichere Herkunftsländer. Ein Land ohne Krieg ist nicht automatisch sicher. Sicher bedeutet, keine Angst haben zu müssen. Sicher bedeutet eine Zukunft für Kinder und alle die gewillt sind, hart für ein gutes Leben zu arbeiten.

Ich hätte mich sehr gerne verabschiedet. Ich habe bei jedem Treffen Fotos gemacht, die ich ihr gerne mitgegeben hätte. Ich hätte sie gerne noch einmal in den Arm genommen.

Ich wünschte unser letztes Gespräch wäre nicht „Weißt du noch wann ich nächstes Mal komme?“ – „Ja, Samstag, um elf!“ gewesen.


Abschließend: Ich habe damals versucht, mit der Familie in Kontakt zu bleiben und tatsächlich eine Telefonnummer herausfinden können. Ich habe angerufen und mit Belkizas Bruder und Belkiza selbst gesprochen. Zu versuchen, zu beschreiben, was ich gefühlt habe, als ich Belkizas Stimme gehört habe, ist aussichtslos, dafür habe ich gar keine Worte. Die Familie hat mir per SMS ihre Adresse in Mazedonien geschickt – aber meine Briefe sind entweder nicht angekommen oder die Antwort hat es nie zu mir geschafft. Das ist völlig skurril, ich kann das Dorf auf Google Maps sehen, ich weiß, wie die Kirche dort aussieht, die Schule, die Felder, die kleinen krummen Häuser, aber den Kontakt zu halten, ist nicht möglich. Die Abschiebung der Familie und die Unmöglichkeit, Kontakt zu halten, haben mir sehr deutlich gemacht, in welcher Blase wir hier leben und dass ich überhaupt nichts weiß. Ich lese Nachrichten und ich weiß dennoch kein bisschen, wie die Welt ist.

Als ich am 17.06.2016 morgens aufgewacht bin, habe ich mich von meinem Leben und den Menschen um mich herum völlig entrückt gefühlt. Es war, als wäre meine Dimension um ein paar Zentimeter verschoben oder als wäre ich selbst aus einem anderen Land, anders lässt es sich nicht beschreiben. Ich habe mich völlig fremd gefühlt und von den zuständigen Regierungsinstanzen im Stich gelassen, vor allem, als ich herausgefunden habe, dass die Familie von der Ablehnung ihres Antrages wusste und freiwillig ausreisen wollte, um ihren Kindern die Abschiebeerfahrung zu ersparen. Sie hatten allerdings nicht alle vier Pässe zurückbekommen und konnten so die Ausreise nicht organisieren.

Dieser gesamte Vorgang – im englischen würde man sagen ‘rubs me the wrong way’. Der Beigeschmack davon ist bis heute geblieben. Ich kann nachvollziehen, dass eine mazedonische Familie vermutlich weichen musste, um denen, die aus einem Land, in dem Krieg oder Verfolgung herrschen, Platz zu machen. Ich sehe das und verstehe es.

Aber die Art, wie die Familie abgeschoben wurde, war völlig inakzeptabel und wenn ich daran denke, schäme ich mich ehrlich für mein eigenes Land, obwohl ich dankbar bin, hier geboren zu sein.

Das also war mein Reupload und mein Kommentar dazu. Es gibt so viel unnötigen Mist im Internet und ich wollte, dass dieser nicht ganz drei Jahre alte Text zu den wenigen nötigen Inhalten gehört, anstatt auf meiner Festplatte zu verschwinden und nie wieder von irgendwem gelesen zu werden.

Die Resonanz darauf hat mich damals enorm überrascht, unter anderem die Reaktion des Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart Süd ⇗  und deren Repost ⇗ hat meinem Post zu einer gewissen Reichweite verholfen.

So wussten zumindest ein paar hundert Menschen, vielleicht mehr, dass es ein Mädchen namens Belkiza gibt und hatten für einen kleinen Moment an ihrer Geschichte teil.