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Im Zeitalter der designten Filme

Als großer Filmfan konsumiere ich fast täglich Filme und gehe oft ins Kino. Am liebsten gehe ich in Abendvorstellungen und sitze schon in meinem Kinosessel, bevor die Werbung anfängt – ich mag Kinowerbung und vor allem natürlich die Trailervorschau. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mir jeden Trailer auch auf YouTube ansehen könnte, aber sie auf der Leinwand im halb abgedunkelten Kinosaal zu sehen und mir dabei Popcorn, Nachos oder Eis ins Gesicht zu stopfen, ist so viel besser!

Ich mache mir während den Trailern immer kurz eine Handynotiz, welche der Filme ich anschauen möchte. Was mir vor allem im vergangenen Jahr aufgefallen ist, ist dass es kaum noch originelle Filmgeschichten gibt; ich erinnere mich an einen Kinobesuch, bei dem genau ein einziger beworbener Film eine für sich stehende Geschichte hatte. Ein Film von den acht Trailern, die gezeigt wurden.
Mit “originelle Filmgeschichte” meine ich nicht, dass das Rad des Filmemachens und Drehbuchschreibens neu erfunden wird. Ich denke dabei an einen Film, der kein Remake, keine Fortsetzung, kein Prequel, kein Spin-Off und kein Teil eines Franchises ist.

Womit wir beim Thema wären.
Bei dem Begriff “Franchise” denkt man im Zusammenhang mit Filmen zur Zeit wahrscheinlich zuerst an das „DC Extended Universe (DCEU)“ und das „Marvel Cinematic Universe (MCU)“.

Seit Juni 2013 sind 6 Filme, die im DCEU spielen, herausgekommen, 3 weitere sind angekündigt und ein Suicide Squad Sequel ist wohl auch in Planung. (Wer auch immer das für eine gute Idee hält. Mal im Ernst, fand den Film irgendjemand gut, außer denen, die Geld damit verdient haben?) Wie dem auch sei, das macht unterm Strich 10 Filme in etwa 6 Jahren. Das sind nur die bestätigten Filmprojekte, dazu kommen geplante Serien und erwartete Filme, für die bisher kein Produktionsstart feststeht. Insgesamt sind das 25 Projekte von 2019 bis circa Anfang 2021.
Fünfundzwanzig Projekte. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Falls bei dem bitteren Beigeschmack, den diese Auswüchse des Kapitalismus zwangsläufig mit sich bringen, nicht zu unangenehm ist.

Seit April 2008 hat Marvel 20 Filme herausgebracht und 9 weitere sind geplant. Dazu kommen 15 Serien, 3 davon noch nicht produziert.

Ich habe Freunde und Kollegen, die grundsätzlich in jeden Film gehen, der im Marvel-, DC-, Herr der Ringe-, Star Wars-, Wizarding World- oder auch James Bond-Universum spielt. Es inzwischen fast ein sich selbst erhaltendes System, für die Produktionsfirmen funktioniert das, für Marvel sowieso. Disney hat 25% Marktanteil in der Filmindustrie und die Marvel Studios gehören bekanntermaßen zur Walt Disney Company. So eine Firma steckt unvorstellbar viel Geld in technisch aufwändige Projekte und das damit verbundene Marketing, wie beim Superhelden Franchise, der Film sollte dann ein entsprechender Kassenschlager werden.

Mein Problem ist, dass die Originalität zugunsten des Umsatzes geopfert wird. Mit den Ressourcen der über 70 Projekte hätte man so viel mehr anfangen können. Das Geld und die Ideen der Menschen, die die Projekte verwirklichen, könnten in neue Geschichten investiert werden. Gewinn sollte nicht zum Maßstab für die Qualität eines Films werden. Ein alleinstehendes Drehbuch ist ein Risiko, kann es aber wert sein, verfilmt zu werden.
Ich denke dabei unter anderem an “Whiplash” (2014), “Inception” (2010), “La La Land” (2016), “Interstellar” (2014) und zwei meiner absoluten Lieblingsfilme, “Drive” (2011) und “Call Me By Your Name” (2017). Alle wurden in diesem Jahrzehnt produziert und ich habe aus Neugier mal die Auszeichnungen der einzelnen Filme nachgeschaut: jeder hatte eine oder mehrere Oscar-Nominierungen, insgesamt haben die sechs Filme 15 Oscars gewonnen und waren für 22 weitere nominiert. Natürlich sagt das alleine nicht aus, dass Standalone-Produktionen besser sind, als solche, die in einem Universum spielen oder als Remake o. ä. produziert wurden.
Eine solche Menge an Preisen kann allerdings auch nicht von der Hand gewiesen werden, da sie doch eine gewisse Qualität bei der Produktion, der Auswahl der Schauspieler und des Drehbuchs nachweist.

Leider bekommen Standalone-Filme immer öfter Sequels. Man muss ja rauspressen, was geht. Betrachten wir beispielsweise “The Equalizer” aus dem Jahr 2014. Das war ein großartiger Film, der sowohl Kritiker als auch Zuschauer positiv überrascht hat und ganz für sich alleine stand. Natürlich konnte man es dabei nicht belassen und so kam vergangenes Jahr die Fortsetzung heraus. Der zweite Teil war – zum Glück – nicht schlecht, kam aber an den ersten Teil nicht heran. Auf IMDb lag er mit einer Bewertung von 6,8 aus 77.554 Rezensionen immerhin 0,4 Sterne hinter dem ersten Teil (292.492 Rezensionen).
Er war weniger überraschend, weniger originell, man kann einen ersten Teil von etwas nicht wiederholen und der Misserfolg vieler Fortsetzungen liegt sicher auch darin, dass eben das häufig versucht wird.

Die vielen Sequels, Live-Action-Remakes und Franchise-Filme bedienen sich zunehmend der Intertextualität. Dabei überschneiden sich zwei Werke, wir erkennen etwas wieder, das wir an anderer Stelle gesehen, gehört oder gelernt haben. Symbole, Melodien, Zitate, alles kann clever in eine Geschichte eingewoben, beim Zuschauer eine emotionale Reaktion bewirken, einen “Ich finde das lustig, weil ich die Referenz verstehe”-Moment oder ein “Das ist traurig, weil es dies und jenes für Person XY bedeutet”-Verständnis, zum Beispiel.

Die “Simpsons” machen das ständig, manchmal subtiler, manchmal ganz plakativ. Teilweise werden ganze Szenen oder Handlungsstränge aus anderen Filmen adaptiert. Spontan fällt mir die Folge ein, in der die Simpsons im Auto vor Tingeltangel Bob fliehen und er sich unbemerkt an der Unterseite des Autos festhält. Diese Szene ist eins zu eins aus “Kap der Angst” aus dem Jahr 1991 kopiert. Es gibt auf Vimeo und YouTube reihenweise Compilations mit solchen Filmreferenzen aus allen Staffeln.
Bei den “Simpsons” dienen solche Adaptionen ganz klar der Unterhaltung und werden immer wieder satirisch eingesetzt, um die Werke selbst zu kommentieren.

In den Franchises wird Intertextualität vor allem eingesetzt, um die verschiedenen Filme zu verknüpfen.
Bei “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” (was für ein eingängiger Titel …) erklingt die Harry-Potter-Melodie.
Im “Hobbit”-Film taucht auf einmal Sauron auf.
Bei der Realverfilmung von “Die Schöne und das Biest” wurden Fans schon im Trailer mit der verzauberten Rose unter der Glaskuppel an den Zeichentrickfilm erinnert und kombiniert mit der aus dem Original bekannten Musik für den neuen Film angefixt.
Im “Halloween”-Remake letztes Jahr wurde für die Opening Titles einfach das Konzept des Originals von 1978 übernommen, Michael Myers entkommt in beiden Filmen auf dieselbe Weise aus dem Gefängnis und beschafft sich den Blaumann beide Male, indem er einen Mechaniker umbringt.
In “Star Wars: The Force Awakens” taucht der Millenium Falke auf, R2-D2 staubt in einer Ecke vor sich hin und Rey hat ominöse Flashbacks, als sie das Lichtschwert berührt.
Bei allen Filmen war ich im Kino (und damit Teil des Problems, ich weiß) und “Star Wars Episode VII” war bei Weitem am Unerträglichsten, vor allem wegen der Fans. Bei jeder sinnbefreiten Referenz zu den frühreren Filmen ging ein andächtiges Raunen durch den Saal und man konnte sich sicher sein, dass umgehend mindestens eine Person laut flüsternd mit ihrem Nebensitzer darüber fachsimpelte, dazu später mehr.

Der Nerdwriter hat das Thema Intertextualität hier ⇗ ausführlicher und besser, als ich es wiedergeben könnte, besprochen.

Intertextualität ist ein Symptom des immer stärker Überhand nehmenden Fan Service. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Manga-Community und meint Inhalte einer Erzählung, die für die Fangemeinde geschaffen wurden und nicht für die Handlung selber.
Für mich ist der Begriff inzwischen fast synonym mit den “Avengers”-Filmen und praktisch allem, was Netflix für Teenager produziert (don’t even get me started on “Riverdale”, das verdient einen ganz eigenen rant – irgendwie verdient es aber auch nicht, dass man mehr als einen oder zwei Gedanken daran verschwendet).

Der Moment, als in “James Bond 007: Skyfall” die Garagentür aufgeht und der klassische Aston Martin dasteht, war beides, eine Referenz zu den alten Filmen und ein Fan Service. Das Auftauchen des Autos hat nicht gestört, es hat die Geschichte nicht ausgebremst (pun intended) und war eben dieses kleine Element, das James Bond-Fans anerkennend pfeifend oder bewundernd raunend zur Kenntnis genommen haben.

Noch subtiler war “Mad Max: Fury Road”, auch hier wurde dem namensgebenden Protagonisten sein altes Auto, der V8 Interceptor, zurückgegeben. Max steht im Opening Shot neben seinem Auto, fährt damit weg, hat einen Unfall und sieht später, wie das Auto zwischen zwei Lastzügen zerquetscht wird. Der Auftritt des Autos ist eine Referenz, doch es fügt sich nahtlos in die Handlung ein und beendet mit seiner Zerstörung ein für alle Mal die Überbleibsel der alten Trilogie mit Mel Gibson. Für Zuschauer, die die alten “Mad Max”-Filme kannten, hat dieser Teil der Story ebenso Sinn ergeben, wie für diejenigen, die mit “Fury Road” zum ersten Mal in diese Filmwelt und das, was als erster Teil einer neuen Trilogie geplant ist, eingeführt wurden.
Wenn Fans Service so umgesetzt wird, ohne den Fluss des Films zu behindern, fühle ich mich unterhalten und freue mich, wenn sich mir Referenzen erschließen. Natürlich hat man ein kleines Gefühl von Überlegenheit, ein “Ich verstehe das, weil ich die alten Filme gesehen habe und ihr nicht”.

Als ich hingegen “Star Wars: The Force Awakens” gesehen habe, fand ich die vielen Figuren und Elemente, die offensichtlich nur in den Film geschrieben wurden, um an die alten Episoden zu erinnern, wirklich anstrengend, die Auftritte von R2-D2, C-3PO, Leia und Luke waren überflüssig.
Ich habe die ersten sechs Star Wars Filme gesehen, bin aber nicht wirklich ein Fan oder mit jedem Detail vertraut.
Jedes Mal, wenn in Episode VII etwas gezeigt wurde, das offensichtlich mit den Vorgängern zu tun hatte, war mir, wie jedem im Saal, bewusst, dass das jetzt ein bedeutender Moment ist, einfach nur, weil es entsprechend inszeniert wurde. Manche Referenzen habe ich nicht verstanden und anders als bei “Mad Max” waren diese Elemente oder Cameos nicht mit der Story verwoben, sondern sollten ganz ohne einen inhaltlichen Zweck und ohne die Handlung voranzutreiben, im Film stehen. Für mich, als Nicht-Hardcore-Fan, sind dadurch den gesamten Film über immer wieder Brüche entstanden, die das gemacht haben, was kein Kinofilm jemals machen sollte: den Zuschauer aus der Handlung reißen und ihm ins Gedächtnis rufen, dass er im Kino sitzt, mit lauter anderen Zuschauern um ihn herum.

Im Fall von Star Wars wurde die Nostalgie-Welle zu ignorant geritten. Für einige Fans ist passiert, was von Anfang an befürchtet wurde, als Disney Lucasfilm eingekauft hat. Es wurde zu viel in zu kurzer Zeit produziert und der Hype um die alten Filme getrübt, indem alles wieder aufgerollt, die alte Geschichte in ein neues Gewand verpackt und letztes Jahr auch noch ein Ableger, den nicht einmal die Fans sehen wollten, produziert wurde.

“Make use of” formuliert sehr treffend die frappierenden Parallelen zwischen “The Force Awakens” und “A New Hope”:

“We have a DIY Darth Vader in Kylo Ren. Blatant echoes of Luke, Leia, and Han in Rey, Finn, and Poe. A droid hiding important information. The Tatooine-like Jakku, complete with seedy market which the downtrodden Luke Rey frequents. The First Order’s knock-off Death Star, and its subsequent destruction amid a sky-battle. Sure, call it an homage. It’s not. It’s falling back on the stuff J.J. Abrams knows is going to tick boxes for fans. This upcoming trilogy is just A New Hope/The Empire Strikes Back/Return of the Jedi retold for a new generation.”

Make Use Of – „How Disney ruined Star Wars for everybody“ ⇗

Alles in allem entsteht beim Betrachten der Entwicklung der letzten zehn Jahre der Eindruck, Filme würden zunehmend für die Fans gemacht. Das wirkt zugegebenermaßen nicht wirklich bedenklich. Führt man sich aber vor Augen, dass der Film eine Kunstform ist, wird einem auch bewusst, dass Kunst nicht primär für einen oder mehrere Adressaten geschaffen wird. Wenn das passiert, dann weil der Schaffende nicht mehr die Verwirklichung einer Idee oder den Ausdruck eines Gefühls oder Zusammenhangs im Sinn hat, sondern den Gewinn, den er mit seinem Kunstwerk erwirtschaften kann. Dieses Ziel erreicht er am einfachsten, wenn sein Werk dem Betrachter gefällt.
Am Besten sollte es vielen Betrachtern gefallen, je mehr Leute es mögen, desto mehr kaufen es; mehr Umsatz. Damit es einer breiten Masse gefällt, darf es nicht zu anders sein. Es darf auch kein Duplikat sein, das wäre zu platt, nicht unterhaltsam genug. Am Besten, das Publikum hat das Gefühl, etwas Neues zu entdecken, ohne dass es von dessen Fremdheit abgestoßen wird.
Eine alte Idee neu verpackt, also.
Das Endprodukt ist kein Kunstwerk mehr, sondern Design. Der Unterschied zwischen Kunst und Design ist der, dass erstere frei ist, während letzteres einem konkreten Zweck dient. Kunst wird geschaffen, Design wird konzipiert.

Wenn Filme dafür gemacht werden, dass Firmen daran Geld verdienen, wie andere mit Kleidung oder Autos, erzählen sie uns nur immer und immer wieder dasselbe. Das einzige, was sich verändert, ist die Qualität der CGI-Anwendung.
Ich möchte das Kino nicht als Konsumentin besuchen. Was ich erwarte, ist vor lauter Lachen vorübergehend alle Probleme zu vergessen oder von der Reise eines Protagonisten inspiriert zu werden. Das soll auf eine Weise passieren, die mir vermittelt, dass mich jemand in seinen Kopf blicken lässt. Ich will Geschichten sehen, die erzählt werden wollen, von Menschen, die aus Leidenschaft nicht anders können, als dem Filmemachen nachzugehen.
Künstler haben eine Vision und teilen diese. Ob ich das im vergangenen Jahr überhaupt im Kino erlebt habe, kann ich nicht genau sagen und ich vermisse es.

Die amerikanische Tageszeitung USA Today hat ihre Leser die meist erwarteten Filme für 2019 wählen lassen, folgende Liste kam dabei heraus:

  1. “Avengers: Endgame”
  2. “Captain Marvel”
  3. “Star Wars: Episode IX”
  4. “Spider-Man: Far From Home”
  5. “Toy Story 4”
  6. “Glass”
  7. “The Lion King”
  8. “Aladdin”
  9. “Dumbo”
  10. “Joker”

“Joker” ist tatsächlich, obwohl er zum DC Universum gehört, der einzige alleinstehende Film der Liste, da er getrennt vom DCEU konzipiert wurde. Er ist auch der einzige der Filme, bei dem Disney weder in der Produktion noch in der Distribution involviert ist.
Alle anderen Filme der Liste sind Remakes, Teil eines Franchises oder Fortsetzungen.

Warum fordern wir als Kinogänger denn nicht mehr? Wir haben einen Anspruch auf erzählenswerte Geschichten! Doch wenn ich mir diese Liste angucke, haben wir sie womöglich gar nicht verdient. Denn als Zuschauer sind wir Teil des Problems oder aber diejenigen, die Originalität verlangen. Je nachdem, welche Karte wir an der Kinokasse lösen und welchen Film wir streamen.