Paula Isbrecht Hörsturz MRT
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Mein Hörsturz-Jahrestag

Heute ist nicht irgendein Tag. Sicher, es ist der 10. Februar. Und Sonntag. Es ist aber auch mein Jahrestag – seit meinem Hörsturz sind genau 12 Monate vergangen.

 

Eine kurze Chronik:

Mittwoch, 7. Februar um 8:51 Uhr.

Ich steige in die Straßenbahn, um zur Arbeit zu fahren. Auf meinen Kopfhörern höre ich das Podcast UFO. Sie höre grundsätzlich immer Musik oder Podcasts, wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, nur so lassen sich die anderen Menschen aushalten. Um 8:52 Uhr passiert die Bahn einen kurzen Tunnelabschnitt, unmittelbar danach knackt es in meinen Ohren. So weit nichts Ungewöhnliches. Um 8:55 Uhr steige ich aus der Bahn, gehe zur Arbeit und wechsle ein paar Worte mit einem Kollegen. Seine Stimme wirkt etwas dumpf, ich wundere mich kurz. Erst, als ich um die Mittagszeit herum ein komisches Gefühl auf den Ohren habe, denke ich wieder daran. Es fühlt sich an, als habe ich Watte in den Ohren, aber das Gefühl ist so schwach, dass ich mich deswegen nicht sorge.

Als ich abends in meiner Wohnung bin, umgeben von absoluter Stille, höre ich einen leisen hohen Ton. Ich beschließe, etwas früher als sonst schlafen zu gehen und bin sicher, dass am nächsten Morgen alles wieder in Ordnung ist.

 

Donnerstag, 8. Februar, 12:30 Uhr.

Ich trete mit einer Kollegin aus der Agentur, um um die Ecke Mittagessen zu holen, es soll Burger geben. Ich erzähle meiner Kollegin, dass meine Ohren sich komisch anfühlen, insbesondere das linke. Auch meiner besten Freundin habe ich davon erzählt, beide raten mir, sicherheitshalber zum Arzt zu gehen. Das Watte-Gefühl ist im Vergleich zum Vortag bemerkbarer. Ich beschließe, erstmal abzuwarten, was soll der Arzt schon feststellen?
Zurück auf der Arbeit habe ich wieder Kopfhörer in den Ohren und höre Musik, zur Zeit viel Linkin Park. Im Hof direkt hinter der Agentur brechen Bauerarbeiter seit Stunden den Boden mit einem Presslufthammer auf, ein stetiger Lärm von meiner linken Seite.
Abends wieder zurück in meiner leisen Wohnung, höre ich erneut den Piepton, ist er heute lauter als gestern?

 

Freitag, 9. Februar, 10–10.30 Uhr.

Ich höre das Piepsen, obwohl ich auf der Arbeit sitze und im Nebenzimmer bei geöffneter Tür eine Besprechung stattfindet. Das beunruhigt mich nun doch, zumal der Ton von Stunde zu Stunde lauter zu werden scheint. Ich beginne mittags Hals-Nasen-Ohren-Ärzte anzurufen, nur einer hat Freitagnachmittag offen, allerdings sind keine Termine mehr frei, auch keine Notfall-Termine. Ich solle zur Not trotzdem vorbeikommen, meint die freundliche Sprechstundenhilfe.

Spontan werde ich gebeten, Werbemittel zu einem Kunden zu fahren. Der Weg ist nicht weit, mittags durch die Innenstadt brauche ich etwa 20 Minuten zu den Büros des Kunden. Ich sitze gemütlich in dem riesigen Passat meines Chefs, das Radio und der Stadtverkehr übertönen das Piepsen und alles ist gut. Autofahren ist immer gut.
In der Mittagspause erzähle ich meiner Mutter von dem Ton, der sich nun auf das linke Ohr beschränkt. Ich hatte ihr bisher nichts gesagt, weil ich es nicht als wichtig erachtet hatte, aber jetzt… Meine Mutter sagt mir, ich solle in eine Notaufnahme fahren. Kurz nachdem ich aus der Mittagspause zurück bin, spreche ich mit meiner Kollegin vom Vortag und habe das Gefühl, sehr laut zu reden. “Entschuldige bitte, ich glaube, ich schreie gerade. Aber sicher bin ich mir nicht, ich versuche nur, gegen das Piepsen anzukommen.”
Ich gehe zu meinem Chef und erkläre kurz die Situation. Um 15 Uhr verlasse ich vorzeitig die Arbeit und fahre zum nächstgelegenen Krankenhaus, steuere direkt auf die Notaufnahme zu und melde mich dort an. Kurz nach 17 Uhr (oder 17.30 Uhr? 18 Uhr?) werde ich aufgerufen und zur Hals-Nasen-Ohren-Station gebracht. Ich nehme im Untersuchungsraum Platz, die Ärztin kommt herein und begrüßt mich. Ich erzähle, dass ich einen Tinnitus habe (das erste Mal, dass ich das Wort in den Mund nehme, anstatt “Piepsen” oder “komischer Ton”) und wie sich die Sache über drei Tage hinweg entwickelt hat. Die Ärztin fragt, ob ich Halsschmerzen habe. Ich halte stirnrunzelnd inne. “Nein, überhaupt nicht”. Halsschmerzen? Auf dem Weg zum Krankenhaus habe ich meine Symptome gegoogelt, etwas das ich sonst nie tue, und alles deutet klar auf einen Hörsturz hin. Was hat mein Hals damit zu tun? Die Ärztin schaut mit dieser speziellen Lampe in meine Ohren und stellt Druck auf dem linken Trommelfell fest, wenig überraschend. Sie mir auch mit Stäbchen und Lampe in den Hals und stellt keine Rötung oder Schwellungen fest… Dennoch diagnostiziert sie einen beginnenden grippalen Infekt. Zufällig weiß ich genau, wie meine Infekte für gewöhnlich beginnen: Kratzen im Hals, Halsschmerzen, Schnupfen, fertig. Aber ich bin müde und vor allem sehr sehr hungrig. So fahre ich hangry heim, hole mir einen Döner und ärgere mich über die Ärztin und die verschenkte Zeit und mein nervtötend klingelndes Ohr.

 

Samstag, 10. Februar, 10 Uhr.

Ich wache auf der rechten Seite liegend auf, alles ist still. Ich strecke mich und drehe mich auf den Rücken. Ich höre meine Meerschweinchen im Käfig umher laufen und essen. Hm. Doch nicht so ruhig. Ich halte mir  das rechte Ohr zu.

Stille.

Ich nehme die Hand weg.

Meerschweinchen-Rascheln.

Ich halte mir das linke Ohr zu.

Piepsen, Meerschweinchen-Rascheln.

Ichhalte mir das rechte Ohr zu und lasse neben dem linken ein YouTube-Video auf dem Handy laufen.

Stille.

Nein, ich höre etwas.

Ach nein, ich habe das rechte Ohr nicht richtig zugehalten.

Shit.

Ich schreibe miener Mutter. Sie sagt, ich solle lieber ins Krankenhaus, allerdings ein anderes, nicht das von gestern.

Toller Samstag. Nichtsdestotrotz mache ich mich fertig, fahre mit einem car2go zu besagtem anderem Krankenhaus, gehe mal wieder zur Notaufnahme, melde mich an, erkläre, dass ich nichts höre und verstehe die Antwort des Pflegers bei der Anmeldung nicht. “Waaas?” Ich drücke mein rechtes Ohr mehr oder weniger an die Scheibe. Ich solle nach nebenan in das Gebäude der zum Krankenhaus-Komplex gehörenden Hals-Nasen-Ohren-Klinik gehen. Gehorsam trotte ich also nach nebenan, der Flur ist bereits voller wartender Menschen. Nach einer Viertelstunde kommt eine Schwester heraus, um die Neuankömmlinge aufzunehmen.

Im Anschluss nehme ich im Wartezimmer Platz, mache Netflix auf meinem iPad an, lese etwas, höre Musik. Stunde um Stunde vergeht. Kinder mit Mittelohrentzündungen brüllen. Alle sind genervt. Irgendwann am späten Nachmittag werde ich endlich, endlich aufgerufen.

Im Behandlungszimmer begrüßt mcih ein junger Arzt, ich leiere meinen Text vom Vortag herunter und erzähle von dem anderen Krankenhaus. Ob ein Hörtest gemacht worden sei, fragt er. “Nein, da wurde nichts getestet, nur in die Ohren und den Hals geguckt.” Er ist verwundert über das Verhalten seiner Kollegin.

Er schlägt eine Stimmgabel an und lässt sie hinter meinem Kopf von rechts nach links und zurück. Auf der linken Seite verstummt der Klang für mich.

Wir gehen in einen anderen Raum, er ist schalldicht und dunkel verkleidet, darin stehen nur ein Tisch mit Geräten und zwei Stühle. Während des Hörtests kommen Töne in variierenden Frequenzen mal von links, mal von rechts und ich muss einen Knopf drücken, sobald ich den Ton wahrnehme. Ich merke selbst, dass links nicht viel geht und ich manchmal offenbar gar keine Töne höre, wo welche sein sollten.

“Tja, Sie haben einen fetten Hörsturz.”, stellt der Arzt fest. Mindestens 95% Hörverlust auf dem linken Ohr oder anders ausgedrückt: ich bin auf einer Seite taub. “Wie – Hörsturz? Was heißt das? Woher kommt das?” Er erklärt, ein Hörsturz habe so viele mögliche Ursachen, dass man selten eine bestimmte festmachen kann, häufiger Auslöser sei beispielsweise Stress. Ich bekäme nun umgehend Cortison intravenös gespritzt, das hätte man definitiv schon am Vortag machen sollen. Sollte dies nicht funktionieren, müsste es hinter das Trommelfell gespritzt werden, ugh. Nachdem ich meine Spritze bekommen habe, druckt er mir ein Rezept für Cortison-Tabletten aus, die ich zwei Wochen lang jeden Tag in stetig sinkender Dosierung nehmen soll.

Auf dem Weg zur Apotheke kann ich nichts denken außer “Was, wenn ich auf dem rechten Ohr taub werde? Ich kann trotzdem mit anderen sprechen, aber ich könnte sie nicht verstehen. Was soll ich dann machen?”

In der Apotheke steht am Schalter rechts von mir eine Mutter mit zwei kleinen, lauten Kindern. Ich verstehe nichts, von dem was mir die Mitarbeiterin am Schalter sagt. Ich erkläre, dass ich einen Hörsturz habe, wende ihr mein rechtes Ohr zu und sie wiederholt sich sehr laut. Ich kann sie gerade so verstehen.

Es ist mittlerweile längst Abend und die Stadt um mich herum beginnt, zu vibrieren. Ich stehe mitten auf einer vielbefahrenen Kreuzung inmitten der Innenstadt und halte mir mein rechtes Ohr zu. Kein einziges Motorengeräusch ist zu hören.

Ich bin eine ganze Woche krankgeschrieben.

Die ersten Tage muss ich nicht aus dem Haus, der Kühlschrank ist noch voll. Die ersten Gänge zum Supermarkt sind Stress. Alle Eindrücke sind viel zu viel, jedes Geräusch zu schrill und das Licht zu hell. Ich gehe so schnell wie möglich durch den Laden, ich beginne, zu schwitzen, ich vergesse Dinge und in meinem Brustkorb bildet sich ein kleiner Knoten aus Panik. Und all das nur, weil ich auf einer Seite nichts höre.

Bald schon kommt mein Gehör zurück. Ich habe weitere Hörtests und in jedem ist sichtbar, wie mein linkes Ohr sich wieder dem rechten angleicht.

 

Was habe ich aus dem Hörsturz gelernt?

Woher genau der Hörsturz kam, weiß ich nicht. Von meinem Gehirn wurde ein MRT gemacht, um einen Tumor auszuschließen. Ich dachte von Anfang an nicht, dass die Ursache anatomischer Art war, sondern psychischen Ursprungs. Eineinhalb Wochen vor dem Hörsturz hatte ich meine letzten Abschlussprüfungen. Das vorangegangene Jahr war sehr stressig, ich war ununterbrochen unterwegs und habe mir nicht die Zeit für mich selbst genommen, die ich wohl gebraucht hätte.

Ich habe während meiner Krankschreibung und auch danach entdeckt, dass meine introvertierte Seite sehr viel dominanter ist, als mir bewusst war. Vor dem Hörsturz hätte ich geschätzt, dass ich 70 % extrovertiert und 30 % introvertiert bin. Jetzt sehe ich mich genau anders herum. Ich gehe immer noch sehr gerne mit Freunden feiern oder in Bars, ich gehe offen auf neue Menschen zu und habe keine Angst vor ungewohnten Situationen. Doch vor dem Hörsturz habe ich solche Momente viel weniger im Voraus bedacht und vor allem merke ich jetzt, dass ich sehr sehr gerne Freitag- und Samstagabend zuhause bleibe und Filme schaue oder Muffins backe. Wenn ich ausgehe, macht mir das Spaß und ich genieße die Zeit unter Leuten. Nach wenigen Stunden allerdings habe ich meistens genug Eindrücke gesammelt und habe kein Problem, mit der letzten Bahn oder einem der ersten Nachtbusse heimzufahren und alles zu verarbeiten. Wer früher heimgeht, kann außerdem auch weniger trinken, darüber freuen sich sowohl Konto als auch Kopf am nächsten Tag.

So jung schon einen Hörsturz zu haben, war unglaublich beängstigend und hat mich mich extrem verletzlich fühlen lassen. Doch ich verstehe, dass mein Körper mich zur Ruhe gezwungen hat und ich dadurch wieder Neues über mich selbst gelernt habe und besser auf mich Acht zu geben in der Lage bin.

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