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Sinnkrise

„If they catch you writing, you lose will lose a hand. You know that. It’s not worth it.“
„Yeah, it is.“

– The Handmaid’s Tale

Es wird zum Ritus, dass ich am Jahresanfang meine gesamte Karriere hinterfrage und mich kopfüber in eine Sinnkrise stürze. Zugegeben, ich bin erst knackige 22 Jahre alt (ew. Warum habe ich das jetzt so formuliert? Und dann auch noch kommentiert? Eww.) und habe noch viel Zeit, meine berufliche Laufbahn in die eine oder andere Richtung zu lenken. Es gibt allerdings auch ein paar Aber’s.

Ich habe nun schon dreieinhalb Jahre in meinen Beruf investiert, zweieinhalb Jahre Ausbildung, ein Jahr Festanstellung. Das Resultat sind neben dem erwähnten Abschluss auch meine erste Wohnung, mein erstes Auto, meine zweite Wohnung und viele Urlaube, Kleidung, etc. Es ist gelebter Materialismus, wenn ich das zugebe, aber in der Lage zu sein, sich Spntankäufe zu leisten und nicht oder nicht lange auf Wünsche sparen zu müssen, ist großartig. Ich habe nicht nur ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen, ich habe sogar eine geräumige Wohnung und die Möglichkeit, mir Luxusgegenstände zu leisten, die ich zum Überleben nicht bräuchte. Und ich kann für zwei Meerschweinchen sorgen. Als Crazy Guinea Pig Lady ist das ein riesiges Plus.
Man kann nun also nicht sagen, dass das alles für nichts und wieder nichts war. Ich habe mir ohne zu studieren ein schönes Leben irgendwo im Mittelstand aufgebaut und das in heute genau 40 Monaten.

Ich habe kein schlechtes Bauchgefühl, wenn ich zur Arbeit gehe und ich komme morgens problemlos aus dem Bett. Mich durchflutet allerdings auch nicht die brennende Leidenschaft, wenn ich an meinen Arbeitsalltag denke und ich habe genug davon, mir diese Leidenschaften außerhalb des Berufes zu suchen, durch Blogs, Podcasts, sogar Notizbücher und Kurzgeschichten, die ich zwischen Wochenübersichten in mein Bullet Journal kritzele.
Selbstverständlich kann ich nicht wissen, mit welchem Gefühl andere an ihre Arbeit denken. Es gibt diese klassischen Zitate, wie “Choose a job you love and you will never work a day in your life” oder so ähnlich. Auf solche Pinterest-Sprüche gebe ich wenig, man könnte sagen nichts, der Sinn erschließt sich mir aber trotzdem. Etwas mit Hingabe zu tun, bedeutet es gerne und ohne Pflichtgefühl zu tun.

Der Gedanke, weiterhin in meinem jetzigen Berufszweig zu arbeiten, ist für mich völlig in Ordnung, vielleicht fehlt mir nur ein neues Umfeld. Seit Beginn der Ausbildung sind, wie gesagt, fast dreieinhalb Jahre vergangen und womöglich brauche ich neue Herausforderungen. Da kann niemand etwas tun, außer mir. Ich habe “irgendwas mit Medien” gelernt, es muss möglich sein, aus meiner Comfort Zone herauszutreten und mich außerhalb davon umzuschauen. Wir leben doch inmitten der Digitalisierung und die funktioniert nunmal mit und durch moderne Medien.

Klickt man sich durch Jobangebote, stolpern wir Millenials schnell über ein Wort, das uns ins Straucheln bringt und mitunter zügig aus dem Bewerbungsverfahren kegelt: Berufserfahrung. Je jünger man ist und je mehr man davon hat, ohne dabei Qualifikationen einzubüßen – ein Bachelor sollte schon drin sein –, desto besser. Für Junior-Stellen werden oft mindestens ein, besser zwei bis drei Jahre verlangt. Und wenn man sich dann mit maximal 2000 € brutto im Monat zufrieden gibt, perfekt.
Ich habe nicht studiert, sollte also mutmaßlich lieber mehr Berufserfahrung vorweisen können, um meinen Mangel an Theorie, die mich in meinem Beruf nicht besser gemacht hätte, auszugleichen.
In meiner dualen Ausbildung habe ich zwei Drittel der gesamten Ausbildungszeit im Betrieb, also meiner Agentur, verbracht und 40 Stunden die Woche gearbeitet, ein Drittel waren Schulblöcke von jeweils zwei bis drei Wochen. Nichtsdestotrotz wird die Ausbildungszeit nicht als Berufserfahrung angerechnet. So kommt es, dass ich nicht einmal ein volles Jahr Berufserfahrung vorzuweisen habe, obwohl ich meinen Beruf seit Jahren ausübe. Selbstverständlich habe ich nicht von Beginn an so arbeiten können, wie jetzt. Dennoch wäre es hilfreich, wenigstens das letzte oder das letzte halbe Ausbildungsjahr angerechnet zu bekommen. Wie auch immer, geschenkt.

Variety hat eine YouTube Reihe, die sich “Actors on Actors” nennt. Dabei sitzen sich zwei Schauspieler/-innen gegenüber und unterhalten sich über ihre Filme und Serien, ihren Werdegang, bestimmte Regisseure, Drehs und die Industrie im Allgemeinen. Seit ein paar Tagen schaue ich die gesamte Serie durch und bin vollkommen fasziniert. Ein wiederkehrendes Thema, vor allem in dem Gespräch zwischen Lady Gaga und Lin-Manuel Miranda ist das Erschaffen eigener Gelegenheiten. Lin-Manuel Miranda hat dies erreicht, indem er das Musical Hamilton geschrieben und zu Beginn die namensgebende Hauptrolle gespielt hat, Lady Gaga hat sich immer wieder Persönlichkeiten kreiert, in denen sie sich als Schauspielerin verwirklichen konnte, bis sie für American Horror Story und zuletzt A Star Is Born gecastet wurde.

Mich hat das ungemein inspiriert und mir ist bewusst geworden, dass ich etwas ganz ähnliches mit diesem und meinem früheren Blog getan habe und noch immer versuche. Ich schreibe beruflich nicht und wahrscheinlich wird mich nie irgendwer dafür bezahlen, zu schreiben. Hier, in meiner Ecke des Internets und in meinem Notizbuch kann ich dem trotzdem nachgehen, ganz ohne Limitierungen. Die eine Woche kann ich einen Text über psychische Krankheiten posten und mich die nächste Woche darüber auslassen, wie großartig Bohemian Rhapsody ist, wenn ich möchte. Und wenn ich mich nicht dazu aufraffen kann, zu schreiben, muss ich es nicht, niemand außer mir selbst verpflichtet mich dazu.

Ein befreundeter Journalist meinte letztens, er würde privat nicht mehr schreiben, seit er dafür angestellt ist und beruflich schreibt. Das finde ich nachvollziehbar und darum fast tragisch. Warum hören wir auf, etwas zu unserem privaten Vergnügen zu machen, sobald wir Gehalt dafür bekommen? Verknüpft das Gehirn ab diesem Moment das Hobby mit dem Pflichtgefühl, fehlt die Trennung von Privatem und Beruflichem?
Schreiben stellt für mich ein Stressventil dar, wenn meine Gedanken kreisen, hilft das Schreiben, immer. Ich weiß nicht, ob ich diesen Ausgleich aufs Spiel setzen wollen würde. Es ist nicht mein einziges Hobby, aber eines von sehr wenigen, bei denen ich im Bett liegen, in der Bahn, auf dem Sofa oder in meinem Lesesessel sitzen und meine Inspiration in etwas Kreatives wandeln oder einfach meine Gedanken auf Papier fließen lassen kann.

Was Sinneseindrücke betrifft, bin ich ein Schwamm. Ich sauge alles auf, Bücher, Kurzgeschichten, Zeitungsartikel, Filme, Musikvideos, Lieder, Fotografien, Gemälde, alles. Vor lauter Impressionen kann ich oft die Inspiration all dessen gar nicht in etwas Produktives zu bündeln. Das ruft in mir manchmal das Gefühl, du platzen oder verrückt zu werden hervor, wodurch ich nach außen sehr ruhig werde. Zur Zeit sehe ich aber Medien aller Formen als Möglichkeit, selbst etwas zu schaffen, oft ist das ihr primärer Zweck, oder nicht?
Die Medien, in denen ich diese Eindrücke filtere und verarbeite sind Texte. Ich fotografiere auch, aber dabei habe ich mehr Grenzen, allein schon technisch. Wenn ich etwas schreibe, kann ich über alles schreiben, kann jemanden erfinden und quer durch jede Welt schicken und alles tun und sein lassen oder, wie hier, über mein Leben und meine Gedanken schreiben, in einem Versuch beides zu ordnen.

Ich weiß nicht genau, wo ich hiermit hin will.
Das ist ja auch die Sache bei einem (Gedanken-)Karussell: Man steigt ein, dreht sich im Kreis und steigt genau da wieder aus, wo man eingestiegen ist.